Die wirksame FMEA

Wer kennt es nicht: „Wir brauchen noch eine FMEA!“. Pflicht im Automobilsektor, empfohlen für risikoträchtige Produkte, manchmal notwendig zur rechtlichen Absicherung.

Von den betroffenen Ingenieuren wird sie meist als zusätzliche Last empfunden. Es ist nicht mehr als pure Pflichterfüllung. Die Moderation besteht aus Einzelinterviews mit den beteiligten Projekt-Verantwortlichen und Experten. Der Moderator ist der Einzige, der die Software bedienen kann etc.. Alles nicht nur einmal erlebt.

Eine Sichtweise der Optimierung hat zum Ziel, den Aufwand auf ein Minimum zu reduzieren. So viel wie nötig und sinnvoll heißt das Motto und bekommt den Namen „Lean“. Ich sehe das etwas anders. Ein wesentliches Prinzip bei Lean ist Kaizen – kontinuierliche Verbesserung und das ständige Streben nach Perfektion. Also wie nutze ich das mächtige aber auch flexible Werkzeug FMEA im Kontext meiner spezifischen Entwicklungsprozesse zwischen

  • Kundenwünschen
  • Anforderungsmanagement,
  • Spezifikation von Bauteilen und Produktionsmitteln,
  • Verifizierung und Validierung von Teilen und Herstellprozessen bis zu
  • Änderungs- und Variantenmanagement in der laufenden Produktion

für maximale Effizienz, effektive Fehlervermeidung und maximale Sicherheit meiner Produkte und Prozesse?

Wenn es schon sein muss, wie kann ich den möglichst größten Nutzen daraus ziehen?

Wenn FMEA als Risiko-Management-Tool nicht verwendet wird: Wann macht es für mein Unternehmen Sinn und wie setze ich es optimal und angepasst ein? Herr Sommerhoff stellt 2017 fest:

„Pro-forma Anwendung zur
Systembefriedigung auf Basis von Verpflichtungen zur FMEA schadet der Methode. Es diskreditiert sie, bringt sie in Verruf.“

https://www.dietz-consultants.com/system/public/file.php?file=afd8ec82910fed8MTgx

Herr Kapust (Agile FMEA Erstellung) beschreibt treffend die Wellenbewegungen von Phasen niedrigen Interesses zu Phasen von erhöhtem Interesse, immer wenn ein Audit ansteht, der Kunde kommt, Änderungen anstehen oder etwas rapide in die Hose gegangen ist und die GF fragt, warum die FMEA das nicht verhindert hat.

Der Jurist verlangt sinnvollerweise „Verständlich, vollständig, abgearbeitet und wahr.“ (Juristische Aspekte der FMEA). Ich ergänze: Durchgängig! Die Harmonisierung der FMEA im Automobilsektor zwischen AIAG und VDA zeigt die Basis hierfür.

Sobald die erste Stückliste, der erste Systementwurf, die erste Prozessfolge definiert ist, beginnt die FMEA.

Es können Block-Boundary- und Parameter-Diagramme erstellt werden und der Moderator kann mit dem Systemanalysten / Architekten die Struktur planen. Ein Negieren der Kunden-Spezifikation (functional requirements) bringt eine ungeordnete Liste von Fehlern.

Ein Stück Kaizen ist inklusive, da viele OEMs historische Fehler in ihren Spec’s verarbeiten. Hier beginnt auch die Verfolgung von Merkmalen (SC/CC/IC), die ohne ein gefundenes Poka-Yoke bis zum Control Plan in der Fertigung reicht. Es funktioniert nur mit konsequent verfolgten Charakteristika, die von der D-FMEA in die Zeichnungen und Spezifikationen der Einzelteile und Baugruppen Einzug halten (in Form von SPC z.B.).

Oder lückenlos in die P-FMEA eingehen und dann, sofern kein Prozess-Poka-Yoke gefunden wird, in den Control Plan finden.

Das klingt aufwändig und umfangreich und das ist es auch. Komplexe Systeme mit tausenden von Ursachen zu beherrschen, verlangt Überblick und Durchhaltevermögen. UND:

Eine Automation hierfür ist im Zeitalter der Digitalisierung angeraten. Gute Systeme sind am Markt (iQUAVIS z.B.). Anbieter von etablierten Systemen wie IBM Rational, Plato, Apis, SAP, IQM etc. sind gefordert, anforderungsgerechte Schnittstellen bereitzustellen.

Gute Template-Systeme oder sog. Familien-FMEAs reduzieren über längeren Zeitraum den Aufwand. Deren Erstellung verlangt enormen Ehrgeiz und Geduld, bis die ersten neuen Projekte davon profitieren. Wesentlich ist, dass Lessons Learned direkt in die Templates fließen, laufend und kontinuierlich. Genauso wichtig ist natürlich, dass Trivialitäten eliminiert werden. Fehler mit Auftretenswahrscheinlichkeit nahe Null kommen regelmäßig auf den Prüfstand und fliegen ggf. aus dem Template.

Noch wichtiger ist, dass neue FMEAs nie mehr aus alten kopiert werden sondern immer aus den Templates zusammengesetzt sind, die die neuesten Fehler, Ursachen und empfohlenen Maßnahmen enthalten. (Plato Template-Manager oder ähnlich).

Agilean – Aus „komplex“ mache allerhöchstens „kompliziert“, aus Kooperation wird interdisziplinäre Interaktion, aus Kundenorientierung wird Kundeninteraktion, aus Schienen werden Leit- und Schutzplanken, iterativ, menschenzentriert etc.

Dazu in einem weiteren Artikel mehr.

Was sind Eure Gedanken dazu?

Gruß Thomas Luft

Sie möchten die FMEA für Ihr Unternehmen als Tool für die Fehlervermeidung durch frühzeitige und systematische Analyse nutzen? Sie benötigen Unterstützung? Als erfahrener Entwickler mitten aus der Welt der Mechatronik und ausgebildeter FMEA-Moderator stehe ich Ihnen zur Seite.